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Astrid

Mittwoch, 11. März 2009

Meine Reise in die DDR – Oktober 1980

Meine Reise in die DDR – Oktober 1980

Diese Erzählung basiert auf einem Reisebericht, den ich damals als dreizehnjähriges Mädchen geschrieben habe.
Ich habe ihn ( zumal er auf einer alten Reiseschreibmaschine getippt, ziemlich vergilbt und daher kaum noch lesen war ) noch einmal abgetippt und teilweise überarbeitet. Ich finde, es wird hier ziemlich anschaulich geschildert, welchen Eindruck ein westdeutscher Teenager von der DDR hatte. Da es die DDR inzwischen nicht mehr gibt, hat dieser Bericht so etwas wie historischen Wert. Er ruft die Unzulänglichkeiten von Honeckers Republik in Erinnung, wobei jedoch in der Bundesrepublik auch nicht alles Gold ist, was glänzt. Ich finde, das perfekte System muß erst noch erfunden werden.

Los ging es am ersten Tag der Herbstferien. Da unser Zug bereits sehr früh abfuhr, stand ich um viertel vor sechs ( ganz schön früh ) auf und machte mich leise fertig,da mein jüngerer Bruder Thorsten noch schlief und nicht aufwachen sollte. Mein Vater brachte meine Mutter, meine Oma und mich nach Bad Kreuznach an den Bahnhof. Ab ging die Post Richtung Frankfurt, wo wir das erste Mal umsteigen mußten. Bis dorthin waren wir in einem Zug der Bundesrepublik gefahren. Jetzt ging es in einen DDR-Zug, Interzonenzug oder wie die hießen. Nachdem wir es uns in einem leeren Abteil gemütlich gemacht hatten, packte ich mein Buch aus und begann zu lesen. Meine Mutter und meine Oma lösten Kreuzworträtsel, die sie aus Zeitschriften herausgerissen ( Zeitungen durfte man ja nicht mitnehmen ) hatten. In Fulda stieg eine Frau mit einem etwa vierzehnjährigen Sohn, der sich mit seinem Walkman in die Ecke quetschte, zu. In Bebra stiegen die beiden wieder aus. Wir bekamen statt dessen Gesellschaft von einem älteren Ehepaar aus der DDR, das zu Besuch in der Bundesrepublik gewesen war und nun wieder zurück fuhr. Die beiden waren sehr einverstanden mit ihrem Staat und verteidigten sogar die Mauer, was ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Ich meine, wie kann man seine Leute so abgrenzen?
Wäre ich in der DDR aufgewachsen, hätte mir, glaube ich, dieses Gefühl des Eingesperrtseins am meisten zu schaffen gemacht.
Bei Eisenach machte mich der ältere Mann auf die Wartburg aufmerksam.
In Erfurt verließen die beiden den Zug, und herein kamen eine junge Familie mit einer kleinen Tochter und ein müder Mann, der sofort einpennte.
Wir fuhren nun schon eine ganze Weile und es wurde langweilig. Das Kind spielte mit Bauklötzen. Ich las wieder. Meine Mutter und meine Oma starrten Löcher in die Luft, und der müde Mann schnarchte vor sich hin.
Endlich kamen wir in Leipzig an, aber, oh Jammer, unser Zug aus Frankfurt hatte Verspätung. Dennoch rannten wir zu unserem Bahnsteig, wo gerade ein Zug abfahrbereit stand, in der Hoffnung, daß es unserer nach Karl-Marx-Stadt( heute wieder Chemnitz ) sei. Aber es war nur ein polnischer Zug, und nach Polen wollten wir gerade nicht. Meine Mutter sah auf den Fahrplan und stellte voller Entsetzen fest, daß wir zwei Stunden Aufenthalt hatten. Also ab ins Bahnhofsrestaurant. Irgendwie mußten wir diese zwei Stunden ja herumkriegen. Tja, wir dachten uns dasso einfach, daß wir uns jetzt einen Platz suchen und dann die Bestellung aufgeben. Aber dieser Restaurantbesuch erwies sich als echtes Abenteuer! Unten war alles entweder besetzt oder reserviert. Und das Schönste war, diese Tische hatte niemand bestellt. Dorthin kam nur keine Bedienung, weil sie zu wenig Personal hatten. Also ab in die erste Etage. Dort war noch alles frei. „Tja“ dachte ich, „darauf hätte man eher kommen müssen!“ Aber Pustekuchen! Kaum hatten wir uns häuslich niedergelassen, erschien ein Kellner auf der Bildfläche und sagte: „Wenn Sie hier sitzen bleiben wollen, können Sie lange warten; hier kommt niemand!“ Kundenfreundlichkeit mußte der auch erst noch lernen!
Dann gab es noch einen Nebenraum, aber aus dem wurden wir sofort wieder verjagt, weil man nicht mit Koffern rein durfte.
Also wieder zurück dahin, wo wir hergekommen waren. Dort waren mittlerweile an einem Tisch in der Ecke,an dem bereits ein junges Paar saß, zwei Stühle frei geworden. Ich mußte mir einen ranholen. Dabei streifte ich den Kellner versehentlich mit der Sitzfläche. Daraufhin wurde ich von ihm angeschnauzt: „Kannst Du nicht fragen? Holst Dir einfach hier Stühle!“ Nun, der Stuhl stand herrenlos in der Gegend herum, und es sah nicht so aus, als erhebt irgend jemand darauf Anspruch. Also wen hätte ich da fragen sollen?
Inzwischen mußte ich auf die Toilette. Die war draußen, und dort stand jetzt eine Gruppe russischer Soldaten herum. Ich drückte mich eiligst an ihnen vorbei und hoffte, daß sie mich nicht bemerkten, den Russen hielt ich, teils durch den kalten Krieg, teils durch die Geschichten, die ältere Semester vom 2.Weltkrieg erzählten, für äußerst gefährlich.
Vor der Toilette stand eine Riesenschlange.Auch das noch! Ich befürchtete schon, die ganze Sache würde in die Hose gehen, da kam ich endlich dran.
Als ich fertig war, lief ich meiner Mutter in die Arme. Die wollte mich gerade suchen gehen. Unser Essen war gekommen. Ich hatte Würstchen mit Letscho bestellt, wobei ich dachte, wunder was sich Exotisches dahinter verbirgt. Aber es handelte sich schlicht und ergreifend um Ketchup.
Inzwischen war das Pärchen gegangen, und statt dessen hatten sich zwei junge Männer zu uns an den Tisch gesellt. Einer davon himmelte meine Mutter die ganze Zeit an, konnte gar nicht glauben, daß sie schon eine so große Tochter hatte und bedauerte außerordentlich, daß sie nicht nur große Kinder, sondern auch einen Ehemann aufweisen konnte.
Er hatte bereits einen Fluchtversuch hinter sich, war aber verraten worden. Er wollte es wieder versuchen. Mut hatte er, muß man schon sagen.
Irgendwann kam noch ein dritter Mann hinzu. Der sagte aber gar nichts, sondern rauchte nur stumm vor sich hin. Ich konnte auch nicht reden, denn da ich zu dem Zeitpunkt eine Zahnspange trug und mich damit häßlich fühlte, hielt ich den Mund lieber geschlossen. ( Böse Zungen behaupten, daß ich heute wohl Nachholbedarf im Reden habe. )
So waren die zwei Stunden wie im Flug herumgegangen und schon mußten wir zum Zug eilen.
In Karl-Marx-Stadt empfingen uns Suse Richter, eine alte Freundin meiner Oma ( sie hatten in ihrer Jugend mal zusammen gewohnt ) sowie eine mittlere Sintflut. Wir beschlossen daher,ein Taxi zu nehmen, gaben dieses Vorhaben aber auf, als wir die Schlange am Taxistand sahen. Da hätten wir mindestens noch eine Stunde warten müssen. Die mit einem Parteiabzeichen kamen natürlich zuest dran. Typisch. Also zurück zu den Straßenbahnen. Unterwegs hielt mich ein kleinwüchsiger Mann auf. „Nicht so eilig, nicht so eilig. Du bist sehr hübsch.“
Die erste Straßenbahn fuhr uns vor der Nase weg. Es regnete wie verrückt, und die nassen Klamotten klebten am Körper. Als wirnoch überlegten, ob wir uns doch bei den Taxen anstellen sollten, kam eine zweite Straßenbahn. Endlich!
Die Bahn ratterte an grauen Häusern mit abbröckelnden Fassaden vorbei und ich überlegte, wie das Haus, in dem Tante Suse, wie ich sie nannte, lebte, wohl aussah. Ich hatte gehört, daß in der DDR viele Häuser noch die Toiletten im Treppenhaus hatten. Na, das war ja was für mich, wo ich mich doch im Dunkeln fürchtete. Aber zu meiner Beruhigung wohnten Tante Suse und ihr Mann in einem modernen Plattenbau. Wir aßen Kartoffelsalat mit Würstchen zum Abendbrot und fielen dann in die Betten. Durch die lange Reise und vor allem das Aufstehen zu einer völlig unmurmeltierhaften Zeit war ich ziemlich fertig.
Die Richters hatten uns netterweise ihr Ehebett überlassen und nächtigten auf klapprigen Campingliegen.
Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus nach Olbernhau. Da es immer noch goß, wollten wir uns ein Taxi zu Tante Hiltrud nehmen, aber es war gerade keins zu kriegen. Die machten Mittagspause. Meine Mutter und meine Oma ließen mich an der Bushaltestelle zurück und wollten schon mal die Anmeldeformalitäten erledigen. „Ja, haben Sie denn schon umgetauscht?“ wollte der Amtsmensch wissen. „Meinen Sie etwa diesen Zwangsumtausch?“ konterte meine Mutter. Jede Person, welche die DDR besuchte, mußte seinerzeit für jeden Tag des Aufenthalts 35 DM umtauschen. „Aber ich bitte Sie“, wurde sie beschwichtigt, „das ist doch nur ein Mindestumtausch.“ Sie zog also unverrichteter Dinge wieder ab, und beschloß, nach ihrer an der Bushaltestellen wartenden Tochter zu sehen. Das war auch eine gute Idee, denn ich langweilte mich mittlerweile zu Tode. So spannend ist es auf Dauer auch nicht, die an-und abfahrenden Busse zu beobachten. Per Anhalter fuhren wir zu Tante Hiltrud und sammelten unterwegs noch unsere Omi am Rathaus auf. Tante Hiltrud, eine frühere Nachbarin und Freundin meiner Mutter aus ihrer Kindheit, und ihr Mann, Onkel Werner, wohnten in einer Sackgasse. Da nur Anlieger diese Straße benutzten, hatte es niemand für nötig befunden, sie zu teeren. Ungeachtet der Tatsache, daß er keinen Jeep, sondern nur einen Trabi besaß, brauste unser Fahrer durch den Schlamm und stoppte vor der Hainbergstraße 10. Tante Hiltrud wartete schon mit dem Mittagessen. Wieder gab es Kartoffelsalat mit Würstchen. Ulrich fragte später, ob dies das Nationalgericht der DDR sei.
Den Rest des Tages hingen wir in den Sesseln. Zwischendurch kam der Mann, der uns netterweise mitgenommen hatte, nochmal vorbei und brachte Omis Reisetasche mit Nachthemd, Augentropfen und Toilettenartikeln, die sie in seinem Auto hatte liegen lassen. Er meinte, er hätte deswegen bereits Ärger mit seiner Frau gehabt, wobei er sicherlich ein wenig übertrieb, um in Westgeld entschädigt zu werden. Gegen Abend kam Onkel Werner von der Arbeit. Er hatte irgendeinen wichtigen Posten bei der HO ( = Handelsorganisation ), wodurch sie etwas eher an manche Dinge kamen. So hatten sie auch ihr Haus neu streichen lassen können.
Beim Abendessen – es gab eine leckere Soljanka – sahen wir Nachrichten als Stummfilm. Ich mußte kichern, weil die Gestalten Mundbewegungen machten und nichts herauskam. Meine Oma bezeichnete mich als albern.
Am nächstenVormittag erledigten wir erstmal die Formalitäten, tauschten ordnungsgemäß um und gingen dann wieder zum Rathaus, um uns anzumelden. Im Wartezimmer fragte mich eine Frau, wie ich denn an meine Westernstiefel ( die damals gerade in Mode waren ) gekommen sei und als ich etwas irritiert guckte. „Ach, Sie sind wohl nicht von hier?“
Auf der Straße sahen wir folgende Szene: Vor einem Geschäft hatte sich eine Schlange gebildet. „Was gibt’s denn hier?“ fragte eine Frau, die gerade vorüber ging, die Letzte in der Reihe. „Brot“, bekam sie zur Antwort. „Oh, dann muß ich mich auch anstellen.“
Am Nachmittag fuhren wir mit einem Taxi zu Tante Irmgard, einer Cousine meines verstorbenen Opas. Ihre Tochter und Enkeltochter waren gerade auch da. Alle waren freudig überrascht, als wir in der Tür standen, hatten sie doch gar nicht mit unserem Besuch gerechnet. Irmgard war ungefähr 60 Jahre alt, Monika 40 und Silvia 15. Silvia erzählte, daß sie jetzt in der Schule Maschinenschreiben lernt und sich daher um Geburtstag eine Schreibmaschine gewünscht hatte, aber keine zu bekommen war. Tante Irmgard kochte Kaffee und zauberte Gebäck sowie für Silvia und mich Weintrauben hervor.
Gegen Abend gingen wir nach Hause. Die Straßenbeleuchtung war katastrophal. Wir sahen kaum, wohin wir gingen. Und obwohl wir sie in die Mitte genommen und untergehakt hatten, stolperte unsere Omi über ein Schlagloch und wäre beinahe der Länge nach hingefallen. Wir betraten ein Geschäft, fanden nicht, was wir suchten, und die Verkäuferin begann, im Flüsterton mit uns zu reden, da sie erkannt hatte, daß wir aus dem Westen waren. Sie fragte nach verschiedenen Dingen in der Bundesrepublik und verglich sie mit der DDR. Inzwischen war es noch dunkler geworden. Ich weiß kaum, wie wir zurück in die Hainbergstraße fanden, wo Tante Hiltrud mit Rotwein und Gebäck auf uns wartete.
Am nächsten Vormittag gingen wir sehr viele Leute besuchen. Immerhin stammt meine Verwandtschaft mütterlicherseits aus dem Erzgebirge und somit existiert dort noch eine ganze Reihe von Verwandten, Bekannten und Schulfreundinnen meiner Mutter.
Am Nachmittag ließen wir die Omi bei Frau Preißler,Tante Hiltruds Mutter, und unternahmen eine Wanderung ins Bärenbachtal. Dort oben war es sehr schön. Es gab dort viel Wald, einen Bach, und eine ganze Reihe Wochenendhäuschen, Datschen, wie sie dort genannt wurden.
Am Donnerstag machten wir eigentlich nichts Besonderes mehr. Ich nutzte die niedrigen Preise in der DDR,um mein zwangsumgetauschtes Geld in eine Dauerwelle zu investieren. Die Locken haben auch sehr lange gehalten. Am Abend besuchten wir noch einmal eine Schulfreundin meiner Mutter. Bei dieser bekamen wir einen Likör zu trinken, den ich total lecker fand und von dem ich infolge dessen nicht genug bekommen konnte. Wieder auf der Straße, bekam ich dann einen Lachanfall, der nicht mehr enden wollte. Ich fand alles zum Schreien komisch, auch wenn eigentlich gar nichts besonders Lustiges passierte. Wieder bei Weißbachs, begrüßte ich Onkel Werner mit „Hicks!“ gefolgt von einem Gekicher, woraufhin er mich ganz merkwürdig ansah und fragte: „Was habt Ihr dem Mädchen denn gegeben?“
Freitags ging es heimwärts. Die Fahrt ist eigentlich kaum erwähnenswert, nur daß der Zug ab Leipzig proppevoll war und wir keinen Platz gekriegt hatten. Ich fühlte mich ganz wie in unserem Schulbus, nämlich wie eine Ölsardine.
In Erfurt stiegen die meisten Leute aus. Wir fanden Platz in einem Waggon, in dem bereits eine blondgefärbte Frankfurterin, ein Mann mit Halbglatze und eine Familie aus der DDR saßen. Der Mann war Jugoslawe und wollte mit seiner Frau und seinem etwa vierjährigen Sohn auswandern. Die Frankfurterin hatte eine ganze Tasche voller Kuchen dabei, den sie großzügig an ihre Mitreisenden verteilte. Nach der Grenze ließ sie einen Stapel Schimpfworte über die DDR los. „Diese Schweine, diese Schweinehunde!“ ging es immer wieder, „da drüben ist ja der Teufel los! Aber da können sie sich drauf verlassen, das kommt in die Zeitung – ich habe Kontakte zur Presse!“ – „Bloß gut, daß Sie das nicht vor 10 Minuten gesagt haben“, schmunzelte der westdeutsche Grenzbeamte.Sie ließ sich davon nicht beirren und schimpfte munter etwas von einem Verbrecherstaat weiter. Dann war sie erstmal eine Weile still, und der kleine Junge, der etwas von einem Verbrecherstaat gehört hatte, fing an, von Banditen zu erzählen.
Gegen 22 Uhr waren wir dann in Bad Kreuznach und wurden dort von meinem Vater in Empfang genommen.
Also, die Gastfreundschaft von Weißbachs und allen anderen, die wir getroffen haben, hat mir sehr gut gefallen. Ansonsten fand ich die Atmosphäre in der DDR jedoch ein wenig trostlos.

Tja, so habe ich damals die DDR erlebt. Ich hätte dort nicht gerne leben wollen,zum einen, da ich das Gefühl gehabt hätte, eingesperrt zu sein, wenn ich nicht dorthin reisen kann, wohin ich will ( jedenfalls soweit es der Geldbeutel erlaubt ), zum anderen, weil es viele Dinge entweder gar nicht oder erst nach mühevollem Herumgerenne gab. Was ich jedoch positiv an der DDR fand, war der Zusammenhalt der Menschen dort. Dies geht leider heutzutage durch den Kapitalismus, in dem jeder mehr oder weniger Einzelkämpfer ist, immer mehr verloren.

Meine komplizierte Ferienliebe

Meine komplizierte Ferienliebe


Ich habe lange überlegt, ob ich diese Geschichte erzählen soll, da sie sehr persönlich ist und ich – er möge es mir verzeihen– zum besseren Verständnis auch Dinge über Luciano berichten muß, die ihm vielleicht peinlich sind. Aber das, was auf den ersten Blick wie ein harmloser Urlaubsflirt wirken mag, war nun einmal die beeindruckste Liebesgeschichte, die ich in meiner Jugend erlebt habe. Und eigentlich braucht ihm gar nichts peinlein zu sein, denn was kann er denn für die Probleme in seiner Familie?
Ich lernte ihn auf einem Fest am Strand von Ventimiglia, wo ich gerade zu Besuch bei einer italienischen Brieffreundin war, kennen. Wir haben uns nett unterhalten und er hat mir noch ein Eis und ein Getränk spendiert. Danach hätte ich aber nicht weiter an den Abend gedacht, wenn ich nicht 2 Tage später auf dem 80. Geburtstag von Nadias Großmutter Marco ( der Mann von Nadias Cousine und gleichzeitig ein Arbeitskollege von Luciano ) getroffen hätte und dieser mich nicht gefragt hätte: "Sag' mal, erinnerst Du Dich eigentlich noch an Luciano?" - "Ja, wieso?" frage ich zurück. "Ich glaube, er will was von Dir." Luciano hätte ihn nämlich die letzten zwei Tage auf der Arbeit die ganze Zeit nach mir ausgefragt. Ich schlug vor, wir könnten ja am Abend zusammen weggehen und wir riefen ihn daraufhin auf der Arbeit ( Es war zwar ein Sonntag, aber Luciano arbeitete öfters mal am Wochenende ) an, bekamen jedoch zur Antwort nur ein "Sono occupato" ( = ich bin beschäftigt ). Kurz darauf wurde Marco ans Telefon gerufen. Es war Luciano, der uns sagen wollte, es täte ihm sehr leid, aber er hätte das ganze Wochenende gearbeitet und müßte dringend mal ausschlafen. Nun hatte er zwar den Ort gewußt, wo wir den Geburtstag der Oma feierten, nicht aber das Lokal. Er hatte also der Reihe nach alle Gaststätten in dem Ort angerufen, um uns zu finden.
Was Luciano aber nicht wußte, war, daß dies mein letzter Tag in Ventimiglia war und ich am nächsten Tag abreiste. Ich hatte Nadia aber gesagt, sie könnte ihm gerne durch Marco meine Adresse zukommen lassen. Nach einiger Zeit erhielt ich auch eine sehr nette Karte von ihm, schrieb ihm wieder zurück, aber dann hörte ich nichts mehr von ihm und vergaß die Sache wieder.
Aber wie es der Zufall wollte, war ich im nächsten Jahr wieder in Ventimiglia. Am ersten Abend gingen Nadia und ich aus, und wen trafen wir dort? Natürlich Luciano.
An den folgenden Abenden war Luciano ständig dort, wo Nadia und ich auch waren, und Nadia und Marco, dem Luciano sich wohl anvertraut hatte, sagten zu mir: "Du mußt mal was unternehmen. Er liebt Dich. Er ist nur zu schüchtern. Ich erwiderte, daß ich ebenfalls schüchtern sei, kam aber mit dem Argument nicht durch: "Er ist bestimmt schüchterner als Du. Immerhin hat er in einem Alter seine Mutter verloren, in dem ein Kind seine Mutter noch dringend braucht, nämlich mit vier Jahren." Dann meinte ich: "Gut, er taucht jeden Abend dort auf, wo wir auch sind. Aber wir sind ständig zusammen. Woher soll ich nun wissen, wen er meint?" Daraufhin sagte Nadia: "Paß mal auf: Ich bin das ganze Jahr hier und begegne ihm so gut wie nie. Seit Du hier bist, treffen wir ihn ständig. Also, wen meint er?" Das leuchtete mir dann ein, aber ich wußte immer noch nicht, wie ich nun den Anfang machen sollte.
Am darauffolgenden Sonntag gingen wir dann in der Nähe von Lucianos Arbeitsstelle ( eine Firma in Monte Carlo namens Riva, die sich um die Wartung von Luxusyachten kümmert ) schwimmen und holten ihn danach von der Arbeit ab. Er nahm mich in seinem Auto mit nach Hause und ein wenig später gingen wir noch zusammen eine Pizza essen. Dabei unterhielten wir uns ausführlich. Etwas verwundert war ich, als er mich fragte, wieso ich ihm denn nicht mitgeteilt hätte, daß ich komme. Da er seit seiner Postkarte nichts mehr von sich hören ließ und auch auf meinen Brief nicht reagierte, hatte ich nicht angenommen, daß ihn das noch interessiert. Dazu meinte er, er würde generell nicht viel schreiben, auch nicht an seinen Vater in Verona. „Ich verstehe mich nicht sehr gut mit meinem Vater“, fügte er leise hinzu, „er hat mich immer geschlagen.“ Etwas merkwürdig fand ich auch, daß er sagte, ich könnte ihm zwar schreiben, aber er sei nicht sicher, ob er die Post auch bekommt, denn er hätte keinen Briefkasten und sei tagsüber arbeiten und nur sein Bruder zu Hause. Ich verstand nicht, wieso ihm der Bruder denn die Post nicht einfach geben konnte? Dann kamen wir auf Robertas ( eine Freundin von Nadia, die Luciano auch kennt ) Wohnung zu sprechen, die er zu groß für 2 Personen fand. „Und wo wohnst Du denn?“ fragte ich zurück. Daraufhin zuckte er zusammen und druckste ein wenig herum, ehe er mir eine ungefähre Beschreibung der Lage seiner Wohnung lieferte.
Im Laufe der Zeit gab es noch mehr Anhaltspunkte dafür, daß es wohl irgend etwas in seinem Leben gab, das er mit allen Mitteln vor mir – und vermutlich auch anderen – geheim zu halten versuchte. Ich weiß nicht, was es war, aber ich vermute, nichts Schönes.
Danach waren wir in Bordighera auf der Strandpromenade spazieren. Er griff nach meinr Hand... und den Rest erzähle ich jetzt nicht mehr, nur so viel, daß er ein sehr sanfter und zärtlicher Liebhaber war.
Als er dann wieder vor Nadias Haus hielt, sah ich auf die Uhr und erschrak. Schon 3 Uhr morgens! Mir fiel ein, daß er ja am nächsten Tag arbeiten mußte, und fragte: „Wann mußt Du denn aufstehen?“ – „Um viertel nach 6“, antwortete er, und setzte hinzu: „Das macht nichts. Heute... heute“, er wußte er nicht, wie er das ausdrücken sollte, was er mir sagen wollte. Statt dessen lagen wir uns wieder in den Armen, und ich spürte, wie er dabei ruhiger wurde.
Am nächsten Abend hatte sich Nadia mit Roberta verabredet und meinte, wir sollten doch dazukommen. Zunächst einmal fuhren wir wieder nach Bordighera, um dort ein Eis zu essen. Wie auch am Abend zuvor in der Pizzeria, fragte er mich vor Betreten der Eisdiele, ob es mir dort gefällt. Das hatte sonst keiner meiner Freunde gemacht. Auch war sonst keiner je so rührend besorgt um mich gewesen, und hatte mich jedes Mal, wenn ich etwas trauriger oder auch nur nachdenklicher guckte, gefragt, was denn los sei – fast war es mir schon etwas zuviel.
Nach dem Eis machten wir uns auf den Weg zu Robertas Wohnung. An einer roten Ampel küssten wir uns so intensiv, daß wir die Grünphase nicht mitbekamen und hinter uns ein wütendes Hupkonzert einsetzte. Luciano zuckte zusammen und küßte mich von nun an nicht mehr an jeder roten Ampel.
Dann stoppten wir vor Robertas Haus, aber zu meiner Verwunderung stieg er nicht aus, sondern näherte sich mir. Ich wollte jetzt aber gerade keine Zärtlichkeiten austauschen, ich wollte Nadia und Roberta treffen, aber er ließ sich nicht dazu bewegen, zum Haus zu gehen. Später erfuhr ich dann, daß es in der letzten Zeit mal einen Streit zwischen ihm einerseits und Roberta und ihrem Mann andererseits gegeben hatte. Klar, daß er dann Roberta vielleicht nicht sehen wollte, aber seltsam, daß er mir nicht einfach sagte, daß er keine Lust auf eine Begegnung mit ihr hatte. Dieser Streit gehörte wohl auch zu den Dingen, die er gerne verheimlichen wollte.
Schließlich schlief er, an mich gekuschelt, ein. Klar, er hatte die letzte Nacht nur drei Stunden geschlafen und mußte todmüde sein. Ich unternahm ein paar Versuche, ihn zu wecken, aber er schlief wie ein Stein und so gab ich es schließlich auf. Irgendwann schlug er dann doch wieder die Augen auf und sah mich voller Zärtlichkeit an. Ich grinste. „Weißt Du, wie spät es ist?“ – „4 Uhr.“ – „Waaaaas?“ Er war total erschrocken, wesentlich mehr, als ich es erwartete hätte, denn schließlich hatte er mir vorher gesagt, er würde den Tag frei nehmen, weil er noch wegen seines Autos zu den Carabinieri müßte. Dann konnte er doch ausschlafen. „Warum hast Du mich nicht geweckt?“ fragte er, aber ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte, denn ich war nach einigen vergeblichen Versuchen zu dem Entschluß gekommen, ihn einfach mal ausschlafen zu lassen. Als er sich vor Nadias Haus von mir verabschiedete, hatte er Tränen in den Augen, was mich wunderte, denn so schlimm fand ich es auch wieder nicht, ihn nicht früher wach bekommen zu haben.
Am nächsten Abend gab es in Monte Carlo ein Feuerwerk, und Luciano wollte Nadia und mich abholen, um es mit uns anzugucken. Aber er kam zu spät, ohne zu erklären, warum. Wir fuhren trotzdem nach Monte Carlo, aber das Feuerwerk war natürlich vorbei. Trotzdem spazierten wir noch ein wenig durch die Stadt, und ich eröffnete Luciano, daß ich mit meinem Eltern abgeklärt hatte, noch länger bleiben zu können, aber die erwarteten Begeisterungsstürme blieben aus. Ich interpretierte dies so, daß er wohl nicht mehr an mir interessiert war, aber dem widersprach, daß er mich auf der Rückfahrt nach einem Vergnügungspark in Nizza fragte, ob ich ihn kenne und wenn nicht, würde er am folgenden Abend mit mir dorthin fahren. Ihm war es also schon noch wichtig, was ich wollte. Auch hatte er uns in Monte Carlo, obwohl es dort sicher teuer war und er nicht viel verdiente, jedes Getränk spendiert.
Aus dem Ausflug nach Nizza wurde jedoch nichts, denn während Nadia und ich beim Sport waren, rief er Nadias Mutter an und erzählte ihr, er könnte nicht kommen.
Jetzt war ich wirklich wütend auf ihn, und ich würde ihm schon zeigen, daß ich so nicht mit mir umspringen lasse. Mir würde schon was Passendes einfallen.
Ich glaube, Nadias Geduld wurde an diesem Abend auf eine harte Probe gestellt. Ich schwankte permanent zwischen Tränenausbrüchen und Haßtiraden, und sie mußte sich das alles anhören und auch noch ihr Besten tun, um mich zu trösten und zu beruhigen.
Im Café La Caleta, in dem Roberta arbeitete und Luciano oft seine Freizeit verbrachte ( dort hatten sie sich auch kennengelernt ) gab es einen Paella-Abend. Alex, der auch irgendwie zu der Clique gehörte, bemerkte, daß ich traurig aussehen würde, und just in dem Moment stand Luciano hinter mir. Er wirkte unsicher und wartete, bis ihn jemand aus der Runde aufforderte, sich zu setzen. „Wir wollen jetzt noch zum Strand“, sagte Nadia zu vorgerückter Stunde, „kommst Du mit?“ Er wollte zunächst nicht, sagte aber nach einem Blick auf mich doch zu und verschwand nur noch einmal kurz, um seine Badehose holen.
Immer noch war ich mir nicht ganz sicher, was seine Gefühle mir gegenüber anging. „Er liebt Dich“, sagte Roberta, aber ich wollte ihn dennoch diesbezüglich auf die Probe stellen und flirtete ein wenig mit Alex. Nach einer Weile sah ich, daß er mich mit Tränen in den Augen beobachtete. Mir tat daraufhin meine Aktion sofort wieder leid. Ich wußte zwar jetzt, was ich wissen wollte, aber ich hatte ihm weh getan.
Nachdem wir eine Runde geschwommen waren, vermißte ich mein Handtuch, und Luciano lieh mir seines. Ich wollte es ihm danach zuwerfen, das er mir geliehen hatte, sah aber nicht, daß er eingenickt war. Nun hätte sich sicher jeder dabei erschrocken, aber er zitterte am ganzen Körper, hielt schützend die Hände vors Gesicht und sah mich mit einem so angstvollen Gesichtsausdruck an, als würde er nicht mich sehen, sondern irgendetwas Bedrohliches.
Auch als ich ihn streicheln wollte, weil er mir gerade ein Kompliment gemacht hatte ( „Tu sei sempre bella“ ) brachte er wieder die Hände in Abwehrhaltung. Ich gab ihm zu verstehen, daß er keine Angst haben mußte und strich ihm sanft über die Wange. Er wandte sein Gesicht ab, aber ich konnte sehen, daß er mühsam seine Tränen vor mir zu verbergen versuchte.
Auf dem Rückweg zum Parkplatz setzte er an: „Ich bin etwas nervös“, verstummte aber sofort, als jemand anderes etwas sagte.
Am Strand unterhielten Nadia und ich uns am nächsten Tag über Luciano. „Er tat mir Leid“, sagte sie, „ich glaube, er hatte auf ein wenig mehr Aufmerksamkeit von Dir gehofft.“ Ich seufzte. „Ich weiß doch selbst nicht, was ich davon halten soll. Er freut sich nicht, daß ich länger bleiben will, er sagt ohne plausible Erklärung ab, und dann kreuzt er plötzlich wieder auf und will, daß alles ist wie vorher. Sorry, das kann ich nicht. Ich will wissen, woran ich bin.“ „Die Absage würde ich nicht überbewerten“, sagte sie, „die muß nicht unbedingt etwas mit Dir zu tun haben. Astrid, ich weiß nicht, was für ein Verhältnis er zu seinem Bruder hat, aber er scheint totale Angst vor ihm zu haben. Gestern hat er ganz leise – er wollte sicher nicht, daß Du es hörst – zu mir gesagt, sein Bruder sei schon wütend gewesen, bevor er aus dem Haus ging und hätte ihm gedroht, wenn er wieder spät nach Hause kommt, würde er ihn nicht für die Arbeit aufwecken. Und er freut sich ehrlich, Dich heute abend zu sehen.“
Dummerweise ging jedoch am Abend – wir waren mit Luciano in „La Caleta“ verabredet - Nadias Auto kaputt. Nun gab es in diesen Vorort ( Latte di Ventimiglia ) weder eine Busverbindung, noch besaß Luciano Telefon, so daß wir ihn hätten anrufen können.
Wir trafen ihn am nächsten Tag am Strand und er druckste erst eine Weile herum und gab mir ein Eis aus, ehe er sich erkundigte, wo ich abgeblieben und ob Alex dabeigewesen sei.
Schließlich kam der Tag des Abschieds. Roberta hatte Nadia, die zuerst mit zu mir und anschließend weiter nach Schweden fuhr, und mich zu einem Abschiedsessen eingeladen. Luciano war aufgrund des bereits erwähnten Streits nicht eingeladen. Er wußte jedoch, daß wir dort waren, schließlich hatte er Roberta mehrmals danach gefragt. Nichtsdestotrotz stand er gleichzeitig mit Nadia und mir vor der Tür. Wir unterhielten uns ein wenig und machten dann mit ihm aus, daß wir uns nach dem Essen mit ihm treffen würden. Das Essen zog sich jedoch hin, da zwischendurch viel geredet und viel Wein getrunken wurde. Der Mann von Robertas Cousine Daniela schenkte emsig nach, und ich kippte, was das Zeug hielt, um den Abschiedsschmerz zu betäuben. Dadurch redete ich jede Menge dummes Zeug und kicherte ununterbrochen. Irgendwann war Luciano dann wieder da. Laut Nadia nahm er sie und Danielas Mann, die im Flur standen, überhaupt nicht wahr, sondern marschierte wie in Trance auf die Küche zu, in der ich mich gerade mit Daniela unterhielt. Er nahm mich noch einmal in den Arm und gab mir als Abschiedsgeschenk eine Genesis-Kassette sowie eine von einer Band namens King Crimson - vermutlich seine beiden Lieblingskassetten. „Das möchte ich Dir geben“, sagte er, „weil...weil...“ Er suchte verzweifelt nach Worten. „ Weil wir sie nicht mehr hören konnten, an jenem Abend“, sagte er schließlich, wirkte aber wesentlich aufgewühlter, als es diese relativ nüchterne Aussage vermuten ließ, und konnte kaum das Zittern seiner Hände verbergen. Er fuhr uns dann noch zu unserem etwas entfernt geparkten Auto. Dabei sah er mehr als traurig aus und konnte kaum die Tränen zurückhalten. Zum Abschied sagte Nadia zu ihm: "Stammi bene", was soviel bedeutet wie: "Mach's gut" und er antwortete nicht mit: "Mach's auch gut" oder "Mach's besser", wie die übliche Antwort gewesen wäre, sondern sagte: "Speriamo" ( = hoffen wir's ).
Ich habe seitdem nie wieder etwas von ihm gehört.
Ich bin lange Zeit nicht aus ihm schlau geworden und zugegebenermaßen verstehe ich einiges heute noch nicht, aber ich zweifle nicht mehr daran, daß er mich wirklich sehr gern hatte, den Kontakt aber nicht aufrecht erhalten oder sogar intensivieren wollte, weil er mich schützen wollte – vermutlich vor dem, was er so sorgsam vor mir zu verbergen versuchte.
Ich würde wirklich gern wissen, was er heute so macht, aber ich hoffe auf jeden Fall, daß es ihm gut geht.

Rosemarie, ein Mädchen aus dem Erzgebirge

Rosemarie, ein Mädchen aus dem Erzgebirge

An einem regnerischen Herbsttag im Jahre 1980 hielt um die Mittagszeit ein Bus in Olbernhau, einer Kleinstadt im Erzgebirge, nahe der tschechischen Grenze. Unter den Fahrgästen waren drei Frauen aus Westdeutschland, meine Mutter, meine Großmutter und ich. Wir wollten hier die nächsten Tage bei einer Jugendfreundin meiner Mutter verbringen.

Ich, damals dreizehn Jahre alt, fand diese Reise sehr eindrucksvoll, war es doch nicht nur eine Reise in den anderen Teil Deutschlands, eine, wie ich fand, graue Welt, in der man für Artikel des täglichen Bedarfs anstehen mußte, in der jedoch die Menschen wesentlich herzlicher miteinander umgingen als im egozentrischen Westen. Sondern es war vor allem auch eine Reise in die Vergangenheit meiner Mutter, Rosemarie Günther, geborene Andreas. In diesem Städtchen war sie aufgewachsen. Durch diese Straßen und Plätze war sie zur Schule, zum Einkaufen, zum Treffen mit ihren Freundinnen... gegangen. Auf diese Wiese hatte sie die Ziege ihrer Familie geführt, auf diesem Hügel hatte sie ihre ersten Versuche auf Skiern ( die eine Tante noch im Keller gefunden hatte; neue hätte sich ihre Familie zu dieser Zeit gar nicht leisten können ) unternommen. Hier hatte sie im Garten ihres Hauses zusammen mit einer Schulfreundin vor einem amüsierten Zuschauerkreis, bestehend aus Eltern, Lehrern und Klassenkameraden, Zirkus gespielt.
Wenn man ihr zuhört, war es eine für damalige Verhältnisse relativ unbeschwerte Kindheit, aber natürlich hatte der Krieg auch vor Olbernhau nicht Halt gemacht. So gehörten Besuche im Luftschutzkeller zum Alltag. Ihr kleiner Bruder Karlheinz freute sich dann immer und rief begeistert: „Keller gehen, Keller gehen!“ weil er dort seine Spielkameraden traf. Sie selbst nahm es halt so hin; es gehörte nun mal dazu. Nur einmal hatte sie wirklich Angst. Da lag sie in Chemnitz im Krankenhaus und niemand der ihr vertrauten Personen war bei ihr.
Richtig abenteuerlich wurde es, als der Krieg vorbei war und die Russen in Olbernhau auftauchten. Ihre aus dem Sudetenland stammende Großmutter schlug vor, sie sollten die nächsten Tage bei ihr verbringen, in der Annahme, dorthin kämen die Russen nicht. Zu Fuß machten sie sich auf den Weg – um den Russen geradewegs in die Arme zu laufen. Sie rannten um ihr Leben und erreichten atemlos ein Gehöft, wo sie der Bauer in ein richtig altmodisches Toilettenhäuschen mit Herzchen in der Tür bugsierte. Inzwischen war der Russe, der hinter meiner Oma her war, angekommen. „Wo ist Frau?“ rief er. Der Bauer meinte, es sei wohl die beste Methode, sich dumm zu stellen, und antwortete: „Was meinen Sie? Hier ist keine Frau!“ Daraufhin kassierte er eine schallende Ohrfeige, so daß seine Backe knallrot anlief. „Du lügst!“ schrie der Russe, außer sich vor Wut. Nach einer Weile gab er es aber auf und machte sich unverrichteter Dinge von dannen. Der Bauer informierte die Personen in seinem Toilettenhäuschen, daß die Luft rein sei, und sie machten sich auf den Weg zurück nach Olbernhau. Nach einer Weile hörten sie ein Motorrad näher kommen, und meine Urgroßmutter schubste meine Großmutter geistesgegenwärtig in den Straßengraben. Und tatsächlich sah der Russe sie nicht, sondern brauste ahnungslos an ihnen vorbei.
Das Motorrad meines Großvaters hatte man im Ziegenstall unter Strohballen versteckt, und schließlich wurde es in Einzelteile zerlegt und an Verwandten und Bekannte im Westen geschickt, um später dort wieder zusammengebaut zu werden.
Ihren Vater kannte meine Mutter als Kind kaum. Als sie noch sehr klein war, war er im Krieg, und als er einmal auf Besuch kam, fragte die damals dreijährige Rosemarie ihre Mutter: „Mami, wer ist eigentlich der Mann da?“
Nach dem Krieg kam er in Italien, im Badeort Rimini, in Gefangenschaft und ließ sich von dort aus in den Westen entlassen. Den Russen durfte er nicht in die Hände fallen, da er sich seinerzeit dem NSKK, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrtkorps, angeschlossen und dummerweise noch ein Amt hatte aufdrängen lassen. Ich bin alles andere als stolz darauf, daß mein Großvater dieser Verbrecherpartei NSDAP gehörte, andererseits habe ich, wenn ich mich in seine damalige Lage versetzte, durchaus etwas Verständnis für ihn. Durch seinen Eintritt in die Partei bekam er nämlich nach langen Jahren der Arbeitslosigkeit wieder eine Stelle, zudem zahlte er durch seine NSKK-Mitgliedschaft weniger für sein Motorrad. Und Leute, die sich aus Opportunismus der gerade herrschenden Partei anschließen, gibt es auch heute noch zu Massen überall auf der Welt. Auch kann ich Leuten wie ihm, die zu Beginn des 3. Reiches das komplette Ausmaß dessen, was die Nazis angerichtet haben, noch gar nicht gekannt haben konnten,viel weniger einen Vorwurf machen als den heutigen Neonazis, die immer noch auf diese menschverachtende Ideologie abfahren, obwohl alle Verbrechen unseres seligen Adolfs und Co. mittlerweile hinreichend bekannt sind. Er ging also statt zurück nach Sachsen nach Niedersachsen, und wenn er manchmal doch nach Olbernhau kommen wollte, mußte er das bei Nacht und Nebel tun und eine Bahnstation vorher aussteigen, damit ihn niemand sah.
Öfters aber ging meine Oma schwarz über die Grenze, um ihren Mann zu treffen. Dorthin gelangte sie auf zum Teil abenteuerlichen Wegen. Zum Beispiel versteckte sie sich in einem Kohlentender.
Einmal nahm sie meine Mutter mit, und prompt wurden sie erwischt und die ganze Nacht auf einer Polizeiwache festgehalten. Meine Mutter stampfte trotzig mit dem Fuß auf und tobte: „Lassen Sie uns sofort raus hier! Hier bleibe ich nicht!!“ was die Volkspolizisten jedoch herzlich wenig beeindruckte.
Meine Oma hatte bereits vor einiger Zeit einen Ausreiseantrag gestellt, und als dieser schließlich bewilligt wurde, zog die Familie nach Helmstedt. Kurz zuvor hatte meine Mutter in Olbernhau noch eine Banklehre begonnen. Sie bekam auch in Helmstedt sofort wieder eine Lehrstelle, mußte jedoch komplett von vorn beginnen.
Ansonsten überwog die Vorfreude auf das Neue den Abschiedsschmerz von Olbernhau. Hierin sind wir uns ziemlich ähnlich: Auch ich habe mich noch nie vor Veränderungen in meinem Leben gefürchtet. Dank ihrer Aufgeschlossenheit und ihrer fröhlichen und herzlichen Art fand sie auch sofort wieder einen neuen Freundeskreis.
Nach einigen Jahren wollte sie aber noch mehr von der Welt kennenlernen als diese beschauliche niedersächsische Kleinstadt. Da eine ihrer früheren Olbernhauer Freundinnen gerade nach Frankfurt am Main gezogen war und von dort aus schrieb, sie sollte doch auch kommen, war die Wahl des neuen Wohnortes schnell klar. Sie ließ sich auch dadurch nicht von ihrem Vorhaben abbringen, daß mein Großvater lamentierte: „Was, in diese Gangsterstadt willst Du ziehen?“ Eine Gangsterstadt war es für ihn deswegen, weil das gerade große Thema in allen Zeitungen der Mord an der Frankfurter Edelnutte Rosemarie Nitribitt war.
Auch dies haben wir gemeinsam: Auch ich lasse mich, wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, durch nichts und niemanden mehr davon abbringen.
Frankfurt wurde ihr Schicksal, denn dort begegnete sie bei einem Tanzvergnügen meinem Vater. Da dieser an der dortigen Berufsschule und Wirtschaftsgymnasium eine Anstellung fand, zog sie wieder in eine Kleinstadt, nach Bad Kreuznach. Dort erblickte ich das Licht der Welt. Als einige Jahre später mein Bruder Thorsten geboren wurde, wohnte man bereits im neuen Haus in der 1 ½ -Tausend-Seelen-Weinbaugemeinde Hackenheim, und meine Großeltern waren nach Bad Kreuznach gezogen, um in unserer Nähe zu sein. Somit lebte aus der Verwandtschaft nur noch Karlheinz in Helmstedt. Wenn dieser zu Besuch kam, freuten wir Kinder uns immer sehr, denn er war ständig zu Späßen aufgelegt, tobte mit uns herum und legte ein gutes Wort für uns ein, wenn wir etwas ausgefressen hatten. Leider verstarb er 1978 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Das war ein entsetzlicher Schock für uns alle, und ich glaube, für meine Mutter das schrecklichste Ereignis in ihrem Leben. Damals ist sie sprichwörtlich über Nacht ergraut.
Meine Mutter und ich hängen sehr aneinander, auch wenn ein paar Kilometer zwischen uns liegen und wir uns daher nicht allzu häufig sehen. Sie ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, und ich hoffe, daß sie noch viel schöne Jahre an der Seite meines Vaters haben wird.
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